Es tropft von der Decke

An einem verregneten Sonntag kuschelt man sich am besten unter einer Decke ein und macht es sich gemütlich. Gesagt getan. Bis auf die Decke. Bis auf gemütlich. Wenn ich nicht mit meinen diversen Gefäßen zwischen den verschiedenen Lecks in den verschiedenen Zimmern unserer Wohnung umherspringe, wische ich mir den Schweiß von der Stirn, denn es ist wenigstens so warm, dass ich keine Decke brauche. Einen Notfallservice gibt’s in Colombo anscheinend nicht, ein bisschen Wasser an einem Sonntagnachmittag gehört in Monsunzeiten zur Normalität.

Da aus meinem geplanten Outdoor-Pool-Tag nun ein Indoor-Pool-Tag geworden ist, habe ich Zeit, von meiner Reise am letzten Wochenende zu erzählen.  Samstagmorgen stand ich also am Bahngleis und habe auf meinen Zug nach Hikkaduwa gewartet. Als allein reisende europäische Frau fällt man da anscheinend auf. Nicht dass man nicht sowieso ständig auffallen würde. Westlich aussehende Menschen gibt es in Colombo nicht so viele. Gerade wenn man alleine in Colombo unterwegs ist, wird man ständig angehupt. Ab und zu versuchen junge Männer auch auf sich aufmerksam zu machen, indem sie Laute von sich geben, die ich benutzen würde, um eine Katze anzulocken.

Aber zurück zum Gleis. Als ich versucht habe, das Treiben im Bahnhof mit meiner Kamera festzuhalten, sprach mich eine Frau an. Ob ich aus England käme, da hätte sie nämlich mal gewohnt. Als ihr Mann starb, musste sie zurück nach Sri Lanka, denn sie konnte ja ihren unverheirateten Sohn nicht alleine lassen. Ob sie nun eine Frau für ihren Sohn suchen würde, wollte ich wissen. Sie sagte ja genau, ihr Sohn möge besonders hellhäutige Frauen, ob ich denn verheiratet sei? Ich habe einen Freund in Deutschland, entgegnete ich. Oh schade, na dann gute Reise! Ihr Sohn stand übrigens die ganze Zeit neben ihr und hat nett gelächelt! Also, falls jemand interessiert ist??

Glücklicherweise hatte ich für umgerechnet einen Euro ein Zweite Klasse Ticket gekauft. So habe ich wenigstens einen Sitzplatz ergattert. An einer der nächsten Haltestellen verließen nach einer Durchsage viele Menschen den Zug. Trotzdem ich meinen Namen, mein Herkunftsland und „ich habe Hunger“ in perfektem Singhalesisch wiedergeben kann, habe ich die Durchsage nicht verstanden. Ich blieb also sitzen. Glücklicherweise fragte ein Herr durch’s offene Fenster, wo ich denn hin wolle und dass ich den Zug wechseln müsste.

Leider habe ich die zweite Klasse im neuen Zug nicht gefunden und die dritte Klasse war jetzt schon voll. Aber nein, es passten bei jedem Halt noch mehr Menschen ins Abteil oder sie hielten sich einfach an den offenen Türen fest und genossen den Fahrtwind. Nix für mich. Wie eine Ölsardine in der Dose ging meine Fahrt also weiter. Natürlich fiel ich als einzige Touristin im Abteil wieder auf. Dieses Mal dem Schaffner/Zugpolizisten. Der eskortierte mich beim nächsten Halt sogleich zur zweiten Klasse. Die war natürlich auch voll, aber immerhin wurde mir dort nicht direkt in den Nacken geatmet. Nach einer Weile stand ein älterer Herr auf und bestand darauf, dass ich mich neben seine Frau setzte. Jeder war besorgt, dass ich denn ja auch meinen Halt nicht verpasste, ob ich Wasser dabei hätte und es mir gut ging. Der Zugpolizist hatte jedes Mal beim Vorbeigehen ein paar nette Worte für mich übrig (Germany good country!) und hat schön aufgepasst, dass ich auch in Hikkaduwa aussteige. Er hat aber auch nicht vergessen, mir einen Zettel mit seiner Adresse und anderen eindeutigen Worten zuzustecken, ich müsste ihn unbedingt besuchen! Ja ja, natürlich!

Als ich mich in Hikkaduwa auf zur Stranderkundung machte, hatte ich gleich den nächsten Einheimischen neben mir. Es war Jayantha, der Inhaber eines Surfshops, der wegen wenig Kundschaft in der Nebensaison anscheinend nichts besseres zu tun hatte, als mich die nächsten zwei Tage wie ein treuer Strandhund zu begleiten. Er ist übrigens auch Inhaber des Tuk Tuks (Beitragsbild) und sein lustiger Deutschlehrer hat ihm die zwei Sätze mit Wiedererkennungswert für sein Tuk Tuk geschenkt. Mit Jaya bin ich Montagmorgen zum Strand der Einheimischen gefahren, an dem Reis vom Vortag oder Brot an Fische verfüttert wird. Dort bin ich also mit Tausenden Fischen aller Farben um mich herum geschwommen. Ein einmaliges Erlebnis!  Ab und zu wurde ich mit einem großen Weißbrot verwechselt und angeknabbert. Ein besonders dreister Geselle wollte mir sogar in den Hintern beißen!

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Kurz vor meiner Abreise fuhr Jaya schnell nach Hause und brachte das obligatorische Reis und Curry von Mama mit. Zum Nachtisch gab es vier frisch gepflückte Mini-Mangos aus dem Garten. Natürlich hat Jaya mich später in den richtigen „Luxus Bus mit Klimaanlage“ nach Colombo gesetzt (ein klappriger Van, in dem ich die ersten 20 Minuten stehen musste). Aber egal, nach drei Stunden Fahrt kam ich wieder im verregneten Colombo an und habe so viele nette und hilfsbereite Menschen getroffen!

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Es klingelt. Muss der Hausmeister sein, der neue Eimer vorbei bringt…

 

 

 

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8 Gedanken zu „Es tropft von der Decke“

  1. Hört sich sehr spannend und aufregend an. Und da scheint jemand ziemlich mutig zu sein 🙂 …ich glaube, dass es irgendwann nur nich wenig Länder geben wird, die so viel Charme zeigen 😦 das macht neugierig und erinnert mich an meine Urlaubserfahrungen, als ich nich ein kleines Kind war. Unser Urlaubsland war damals jedes Jahr Ungarn. ..und auch dort gab es unglaublich nette und hilfsbereite Menschen.

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  2. Gefällt mir, wie du schreibst. Wusste nicht, wie witzig du sein kannst. Ich stehe auf Sprachspielereien. Schreib mehr von deinen Erlebnissen – ist authentischer, wenn jemand vor Ort ist, den man kennt. Bin gespannt auf mehr…

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  3. Sehr unterhaltsamer Bericht! Weiter so 👍 Wer hätte gedacht, dass da so viele Single Männer leben, die verheiratet werden wollen. 😄
    Aber gut, dass die Leute alle auf dich aufpassen 👍

    Ich hoffe die Tropfen von der Decke werden nicht zum Sturzbach!

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    1. 15 bis 20 Prozent gelangen durch arrangierte Ehen zu Ihren „Liebsten“. Da gibt es ganze Zeitungsseiten voll mit Annoncen, in denen Eltern ihren gut geratenen buddhistischen, nicht rauchenden Sprössling mit exzellentem Horoskop anpreisen!
      Heute hat es mal nicht den ganzen Tag geregnet und ich kann ohne Tropfgeräusche einschlafen 🙂

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