​Das Land der Diebe

Unsere Vermieterin, nennen wir sie Marta, wohnt in einem Altbau in Havanna, der in den 1940er Jahren gebaut wurde. Damit hat sie Glück gehabt, denn sie wird die Wohnung von Ihren Eltern geerbt haben, die sie damals vom Staat zugeteilt bekamen. Heute gibt es diese kostenlose Zuteilung nicht mehr, Wohnungen oder Häuser müssen wie auch bei uns gekauft werden. Die Wohnung über uns wird gerade für viele tausende Dólares, wie man die CUCs auch nennt, so richtig für den boomenden Tourismus aufgemöbelt. Dessen Besitzer Raúl ist schon seit über 30 Jahren Reiseleiter und spricht ein ausgezeichnetes Deutsch. Mit der Öffnung zu den USA sollen in den nächsten Monaten 120 Flüge täglich die einstigen kapitalistischen Feinde aus dem Norden und damit ungeahnte Mengen an Devisen ins Land bringen. So hat Raúl seine Chance erkannt, dem Reiseleiterdasein zu entfliehen, das ihm zwar auch ein gutes Einkommen ermöglicht hat, aber mit dem er zwangsläufig auch immer das Haus verlassen muss. Die aus seiner Sicht Vorteile des Vermieterdaseins: Einmal am Tag die Tür öffnen, die Einkäufe des Tages hochtragen, sie vom Personal verwursten lassen und es sich für den Rest des Tages gemütlich machen. Er könnte sich übrigens gut vorstellen, in Deutschland zu leben, denn Deutschland gefiele ihm, Kuba gefiele ihm aber noch besser. Ein Westler wäre in seinem Land absolut aufgeschmissen, sagt er. Er lebe aber mittlerweile ziemlich gut und dirigiert zwischendurch einen Handwerker von einem Zimmer zum nächsten.

Auf seiner Großbaustelle arbeiten Handwerker, die, wie wir gehört haben, Material von der Altstadtrestauration abzwacken. Laut ihm gäbe es aber mittlerweile genügend Material zu kaufen, ein Anruf genüge… Unsere Vermieterin sieht das so, dass auf dem Schwarzmarkt alles gegen teuer Geld organisiert werden kann. Doch alles werde teurer und teurer. Da der Rationenladen nur wenige Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs führt und diese wie der Name schon sagt, rationiert sind, müssen sich andere Quellen auftun. Zudem ist der Devisenladen, el tshopping, einfach viel zu teuer für Kubaner. So wird geklaut, was das Zeug hält: ¨Rebecca, was glaubst du! Kuba ist ein Land der Diebe! Was meinst du wo alles herkommt?¨ fragt unsere Vermieterin und fährt mit dem Spülen der Teller unseres Abendessens fort. Auf ein extremes Beispiel für die ausgeprägte Diebeskunst der Kubaner hat uns unser Stadtführer Pedro aufmerksam gemacht: an der Uferpromenade am zentralen Maceo-Denkmal haben vor einigen Wochen Diebe einen großen Teil des historischen Eisenzauns aus der umgebenden Mauer gebrochen. Angeblich hat niemand etwas davon mitbekommen, obwohl es sich um eine sehr befahrene Straße mit vielen Fußgängern handelt. Pedro selbst hat allerdings bestätigt, dass selbst wenn er Zeuge gewesen wäre, er einfach nur die Augen geschlossen hätte.

Links ist er Zaun noch da; rechts ist er abhanden gekommen

Schnell müsste sich in diesem Land etwas ändern, meint unsere Vermieterin. Allein dieses Jahr hätten sich 44.000 junge Kubaner in den Tram eines neuen Lebens im Ausland gestürzt. Dass sie dort meistens meistens genauso arm sind wie in ihrer Heimat und noch mehr buckeln müssen, anstatt reich zu werden, stellen sie meist nach kurzer Zeit fest. Viele junge Kubaner sind, wie ihre Altersgenossen in der westlichen Welt, an der politischen Situation ihres Landes nicht interessiert. Für sie sind die Geschehnisse der Vergangenheit Geschichten und damit Geschichte. Dass bald ein Umschwung kommen wird, davon sind aber viele ältere Kubaner überzeugt. Wie dieser aussehen wird, sei unbekannt und man habe Angst davor. Über geheime Verhandlungen mit den Amerikanern wird gemunkelt und dass alles bereits abgesprochen und aufgeteilt sei und Kuba damit das gleiche Schicksal wie der ehemaligen Sowjetunion blühen würde. Keine rosigen Aussichten also, denn was man hat, kennt man wenigstens, doch die Zukunft ist ungewiss. 

Obstverkäufer

Wir hatten ja bereits oben geschrieben, dass medizinische Behandlungen für Kubaner kostenlos seien. Dazu hat uns die Haushaltshilfe Gabriela unserer Vermieterin noch eine kleine Anekdote erzählt. Als sie zum ersten Mal vor 29 Jahren operiert werden musste, hat der behandelnde Arzt seine Arzhelferin gefragt, wer von den Wartenden einen Korb mit sich tragen würde. Gabriela hatte Glück, denn sie hatte einen dabei und kam sofort an die Reihe. Da ein Arzt noch heute ebenso miserabel entlohnt wird wie andere staatlich Angestellte, hilft ein kleines Mitbringsel seiner Patienten, andere Wartende zu überspringen oder auch eine bessere Behandlung zu bekommen. Gabriela findet es völlig normal und gerechtfertigt für eine Arbeit, die morgens beginnt und oft erst abends endet. Auch wenn es sich bei dem Geschenk nur um eine Avokado handele, sei der abendliche Salat des Artzes immerhin gerettet.

Nachts arbeitet Natalia in einer anderen Casa, dessen Besitzer Chirurg ist und drei Zimmer an Touristen vermietet. Auch er ist neben der Vermietung auf Geschäfte abseits seines Chirurgendaseins dringend angewiesen. Da er ein eigenes Auto besitzt und damit aus der breiten Kubanermasse heraussticht, bietet er Fahrten zum Flughafen an oder organisiert Zigarrenverkäufe. Das alles neben seinem normalen Chirurgenberuf. Ganz schön anstrengend so ein Kubanerleben… 

Weiches Brot, hartes Brot, der Bäcker ist da!
Eine Tür wird abgeschliffen
Kubanertaxi, fährt feste Routen ab und ist deutlich günstiger als ein Touri Taxi
Irgendwo wird immer irgendwas irgendwie repariert
Mama und Söhne bei der Arbeitsvorbereitung
Hier gibt’s nicht viel zu kaufen
Die Stadt zerfällt…
… und weiterhin wird die Revolution verteidigt!
Bis zum bitteren Ende
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9 Gedanken zu „​Das Land der Diebe“

    1. Wir geben unser Bestes! Momentan ist es recht viel, weil wir immer noch den kubanischen Rückstau an Artikeln abarbeiten. Sobald wir unseren aktuellen Stand erreicht haben, wird es wahrscheinlich etwas weniger.

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