Havanna

​Unsere Vermieterin ist übers Wochenende nicht in der Stadt, so dass wir die ganze schöne Altbauwohnung für uns alleine haben. Wir wohnen in einem Teil von Centro Habana, der kaum von Touristen bevölkert ist. Daher fallen wir zwar jedes Mal auf, wenn wir auf die Straße gehen, sehen dafür aber auch einen ziemlich ungeschminkten Teil der Stadt. Wir werden von den Kubanern meistens für Franzosen gehalten. Den Grund dafür haben wir irgendwann erfahren als wir mal wieder zugeben haben, Deutsche zu sein. Darauf der Kubaner: ¨Deutsche? Kann nicht sein! Ihr seid doch viel zu klein!¨ Zumindest in Kuba ist das Bild des großen, blauäugigen, blonden Deutschen also nocht intakt.

Die zwei Kleinen in der Altstadt

Havanna ist LAUT. Wir waren ja schon aus den anderen Städten einiges an Lärm von den Kubanern gewöhnt, aber Havanna toppt das locker. Ständig bellt ein Hund, Privatwohnungen werden zu Diskos umfunktioniert, Leute unterhalten sich über 100 Meter Entfernung, ein Oldtimer röhrt vorbei oder ein Straßenhändler versucht durch lautes Brüllen und Pfeifen auf sich aufmerksam zu machen. Da machen nachts selbst die besten Ohropax schlapp. Mittlerweile haben wir uns angewöhnt, den fehlenden Nachtschlaf durch einen täglichen Mittagsschlaf zu ergänzen. Und irgendwie gehört der Lärm hier einfach zur Atmosphäre dazu.

Dunkle Wolken über Havanna

Havanna stinkt. Das beginnt bereits, wenn wir das Haus verlassen, da sich im Erdgeschoss ein Agro, ein 
Obst- und Gemüseladen, befindet. Es riecht daher immer mehr oder weniger penetrant nach halbverfaulten Mangos. Dazu mischt sich dann der ganze Abgasgeruch, da die meisten Autos, die hier unterwegs sind, zu einer Zeit gebaut wurden, in der serienmäßige Katalysatoren noch Jahrzehnte in der Zukunft lagen. Wir haben sogar einige Kubaner getroffen, die zugegeben haben, dass sie nicht an Straßenständen essen können, weil ihnen sonst von den Abgasen schlecht wird.
Havanna ist der Himmel für Oldtimer-Fans. Wir wollen natürlich den positiven Nebeneffekt der Abgase nicht verschweigen. Wer sich auch nur entfernt für Oldtimer interessiert, kommt an einem Besuch dieser Stadt nicht vorbei. Wo sonst sieht man außerhalb eines Museums sechs Jahrzehnte Autogeschichte herumfahren. Viele der Autos sind trotz ihres Alters noch erstaunlich gut erhalten, was offenbar sehr für die Fahrkünste der Kubaner spricht. Tatsächlich haben wir bisher noch keinen einzigen Unfall gesehen. Andere sind nicht so gut erhalten, so dass es nicht ungewöhnlich ist, jemanden an der Ampel zu sehen, der mit Hammer und Schraubenschlüssel versucht, seine Klapperkiste wieder zum Laufen zu bekommen.

Die Rostlaube rechts ist gerade an der Ampel verreckt. Sehenswert ist auch der Rasenmäher aus dem 19. Jahrhundert.

Havanna ist fotogen. Neben Oldtimer- kommen hier auch Fotografie-Fans voll auf ihre Kosten. An jeder Straßenecke denkt man, dass man vor dem perfekten Fotomotiv steht. Dann kommt man zur nächsten Ecke und die ist noch viel besser. Und so geht das die ganze Zeit… Leider kann unsere ziemlich einfache Kompaktkamera die sehr individuelle Schönheit dieser Stadt nicht so richtig fassen.

Havanna ist sehr gegensätzlich. Wir kennen keine andere Stadt, die solche Gegensätze in ihrem Stadtbild hat. In der Altstadt, wo alles hübsch saniert wurde, sieht man überall alte Kolonialhäuser mit idyllischen Innenhöfen (in denen niemand wohnt; außer es ist ein Hotel für Touristen). Keine zehn Gehminuten entfernt in Centro Habana gibt es Straßenzüge, die aussehen, als wäre gerade eine Bombe eingeschlagen. Das ist durchaus wörtlich und nicht nur als Metapher zu verstehen. Da wohnen dann tatsächlich noch Leute in den Ruinen. Die gesamten Investitionen zur Restaurierung der Stadt fließen scheinbar fast ausschließlich in den touristischen Teil, während die Wohnhäuser der Kubaner weiter vor sich hin bröckeln.

Restauriertes Havanna
Hier wohnen noch Leute
Hier auch

Havanna feiert gerne. Jeden Abend, falls es nicht gerade gewittert, wird die Uferpromenade zur großen Partymeile für die Kubaner, die sich den Eintritt in die teuren Clubs und Discos nicht leisten können. Da sitzt man dann auf der Kaimauer, trinkt in Ruhe seinen Rum und genießt die frische Brise vom Meer. Es versteht sich von selbst, dass wir uns da gerne angeschlossen haben. Zufälligerweise sind wir eines Abends sogar auf die Geburtstagsparty von Fidel Castro geraten. Der Gute wird am 13. August 90 und seine treuen Landsleute haben sicherheitshalber schon mal eine Woche vorher angefangen ihn zu feiern. Was man nicht alles tut, um Fidel bei Laune zu halten. Die Party selbst war recht unspektakulär, aber die Piña Colada unschlagbar günstig! Er weiß eben doch noch, wie er sein Volk glücklich machen kann.

Auf dass er sich noch viele Jahre um das Wohl seiner Schäfchen kümmern kann…

Havanna ist versoffen. Rum ist natürlich in ganz Kuba sehr beliebt. Aber nirgendwo sonst haben wir so viele Leute gesehen, die zu allen Tages- und Nachtzeiten mit kleinen Tetrapaks oder Flaschen jeglicher Größe voller Rum durch die Gegend laufen, an denen sie ständig nippen. Fidel tut aber auch alles, um sein Volk mit billigem Sprit glücklich zu machen. Tatsächlich haben wir aber auch einmal eine Niederlassung der anonymen Alkoholiker gesehen, die gegen das Glück des Volks ankämpfen.

Rebecca schreibt über das Land der Diebe, während auch wir unseren abendlichen Rum genießen.

Havanna ist religiös. Nach der Revolution war Kirche verboten. Seit den 1980er Jahren dürfen Kubaner aber wieder ihre Religion ausüben. Die meisten sind katholisch. Immer wieder sieht man aber Leute auf der Straße, meistens Schwarze, die ganz in Weiß gekleidet sind. ¨Santería-Anhänger¨, sagt Pedro unser Stadtführer. Santería ist eine afrokubanische Religion. Meistens würden die Menschen zwei Jahre komplett in Weiß herumlaufen, wenn sich ein Orisha, ein bestimmter Gott der Religon, auf den Kopf desjenigen gesetzt hätte. ¨Diese Leute halten sich dann für besonders erleuchtet¨, fügt Pedro sarkastisch hinzu. ¨In Kuba gibt es eigentlich keine Klassen¨, sagt er, ¨aber diese ist die unterste¨. Oft arbeitslos oder aus dem Knast kommend, fristen sie ihr Dasein mit Kartenlegen oder Musikmachen und treiben so Geld für ihre Gemeinde ein.

Die Omi rechts hat einen Geist auf dem Kopf.
Und hier gibt es das Geisterzubehör.

Habaneros sind freundlich. Bisher ist uns Kuba nicht als besonders freundliches Land aufgefallen, von ausgeprägter Servicekultur in Restaurants etc. mal ganz zu schweigen. Uns scheinen die Habaneros aber tatsächlich etwas freundlicher als die anderen Kubaner, die wir auf der Reise bisher getroffen haben. Natürlich will auch hier uns ständig jemand irgendetwas andrehen, aber eben auch nicht alle und die Atmosphäre insgesamt ist sehr offen und freundlich. Heute hat uns zum Beispiel ein wildfremder alter Mann auf der Straße mit einem fröhlichen ¨Hallo Freunde Kubas!¨ begrüßt. Sein halbvoller Glücklichmacher stand neben ihm.

Niko spielt mit Straßenkindern.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s