​Kokatee am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

Von unserem Herbergspapa haben wir beim Frühstück den Tipp bekommen, dass es eine kostenlose Stadtführung gibt, die praktischerweise am Platz direkt neben dem Hostel startet. Dort angekommen, fanden wir zwei sehr nette Menschen vor: Gabriela, die Stadtführerin, und Javier aus Puerto Rico. Nach einigem Warten war klar, dass die Gruppe an dem Morgen nicht größer werden würde und so machten wir uns zu viert auf den Weg.

Gabriela, unsere Stadtführerin in der Kokabude

Gabriela hat die Tour sehr unterhaltsam gestaltet und uns Unmengen an Informationen über die Stadt Bogotá und auch die Geschichte des Landes erzählt. Gleich an unserem ersten Stop hat sie uns in das Geheimnis von Chicha eingeweiht. Chicha ist ein alkoholhaltiges Getränk aus fermentiertem Mais, das ein bisschen wie Bier schmeckt. Auch wenn es erst kurz nach 10 Uhr morgens war, haben wir uns eine Kostprobe gegönnt. Glücklicherweise wurde unser Chicha nicht nach der traditionellen Methode hergestellt. Der Fermentierungsprozess wurde von den Ureinwohnern nämlich dadurch gestartet, dass alle in einem Ritual reihum in den Topf mit dem Mais gespuckt haben…

Weiter ging es zu einem Obststand auf einem kleinen Markt. Dort hat Gabriela uns einige einheimische Früchte vorgestellt. Neben auch bei uns bekannten Sorten wie Bananen und Äpfeln gab es viele, von denen wir noch nie gehört hatten. Die meisten hatten noch nicht einmal englische Namen, da es sie ausschließlich in Kolumbien gibt. Wir haben Guanabana probiert, die gepresst zu Rebeccas Lieblingssaft geworden ist. Vom Aussehen erinnert sie ungeschält an einen Kugelfisch und auch ihr Fruchtfleisch sieht wie Fisch aus, hat aber die Konsistenz von Lychees. Den Geschmack können wir nicht beschreiben, aber sie war unglaublich lecker und erfrischend.

Gabriela war sehr bemüht nicht nur die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen, sondern auch uns klarzumachen, dass wir zu einem historischen Zeitpunkt in Kolumbien sind. Letzten Monat wurde der Friedensvertrag zwischen den FARC-Guerillas und der Regierung unterzeichnet. Zum ersten Mal seit über 50 Jahren gibt es daher die Hoffnung auf Frieden. Sie hat aus ihrer Kindheit erzählt, als sie jedes Mal, wenn ihre Mutter das Haus verließ – und sei es nur um kurz im Supermarkt einkaufen zu gehen – Angst haben musste, ob sie wieder lebendig zurückkehrt. Die Attentäter der Kartelle wurden während ihrer Ausbildung zum Üben auf stinknormale Passanten angesetzt, so dass es jeden jederzeit treffen konnte. Heute ist die Lage zumindest in den Großstädten deutlich entspannter. Im ländlichen Kolumbien werden aber immer noch ständig Menschen vertrieben, weil ihre Grundstücke zum Kokaanbau gebraucht werden oder sie zu nahe an den Routen der Drogenschmuggler wohnen.

Die Kirche am Plaza Simon Bolívar
Und Niko auf besagtem Platz

Zum Abschluss der Tour nach über drei Stunden Spaziergang hat Gabriela uns in einen Kokaladen gebracht. Dort gibt es alles mögliche aus Kokablättern. Außer Kokain natürlich. Bei den Temperaturen haben wir uns für einen heißen Kokatee entschieden. Schmeckt wie grüner Tee und hat eine aufputschende Wirkung. Da man aber knapp eine Tonne Kokablätter braucht, um ein Kilo Kokain herzustellen, muss sich keiner Sorgen machen, dass wir in einen Rausch verfallen wären. Kokatee soll auch gut gegen Höhenkrankheit sein, die uns tatsächlich auch ein bisschen zu schaffen machte. Selbst nach kleinen Anstrengungen sind wir recht schnell außer Atem gewesen. Daher ist es in unserer Zeit in Bogotá nicht nur bei dem einen Kokatee geblieben.

Nachmittags haben wir uns auf eigene Faust auf den Weg zum Montserrate gemacht. Der Berg ist Bogotás Wahrzeichen und liegt direkt neben unserem Viertel. Er kann entweder zu Fuß bestiegen oder per Seilbahn erreicht werden. ¨Leider¨ war der Fußweg gerade wegen Sanierungsarbeiten gesperrt, so dass wir die knapp 500 Höhenmeter mit der Seilbahn zurücklegen mussten. An der unteren Seilbahnstation angekommen sind wir Javier, dem Puerto Ricaner von unserer Stadttour, in die Arme gelaufen. Er wollte offenbar genau wie wir das klassische Bogotá-Touri-Programm absolvieren und so haben wir den restlichen Tag gemeinsam verbracht. Er war gerade zwei Monate in Argentinien gewesen, um dort einen Schuhmacherkurs zu absolvieren. Er will zukünftig Stiefel in Puerto Rico herstellen, da die da scheinbar trotz der Hitze momentan total in sind. Da er außerdem in Argentinien überfallen und ihm sein Handy geklaut wurde, war er sehr dankbar, dass er endlich jemanden hatte, der Erinnerungsfotos machen konnte. Aber nun zurück zum Montserrate…

Javier und wir hoch über Bogotá

Oben nach wenigen Minuten Seilbahnfahrt angekommen, bot sich eine spektakuläre Aussicht über die Stadt auf der einen und grünen unberührten Bergen auf der anderen Seite. Wir hoffen die Bilder sprechen für sich. Die Spitze des Montserrate liegt auf einer Höhe von etwa 3200 m, womit wir den bisher höchsten Punkt unserer Reise erreicht haben. Wieder zurück an der unteren Seilbahnstation wollten wir als letzten Punkt unseres langen Besichtigungstages noch das Boteromuseum besuchen, damit auch der kulturelle Teil nicht zu kurz kommt. Unser Reiseführer und auch unser Herbergspapa raten explizit davon ab, den kurzen Weg von der Station in die Stadt zu Fuß zurückzulegen und wir hatten uns ja gestern vorgenommen, die Sicherheitsregeln immer brav zu befolgen. Allerdings wollte uns der Taxifahrer übers Ohr hauen, so dass wir uns letztlich dachten, dass zu dritt schon nichts passieren würde. Tatsächlich macht die Gegend einen recht sicheren Eindruck, so dass wir uns nicht wirklich erklären können, wieso der Weg (zumindest im Hellen) nicht sicher sein sollte. 

Blick auf den Montserrate (im Hintergrund) vom Boteromuseum aus
Die Stadt ist riesig
Auf der anderen Seite der Gebirgskette gibt’s dafür Natur pur

Sonntags morgens laufen viele Pilger den Berg auf Knien hoch

Die Ausstellung im Boteromuseum hat uns gut gefallen. Man könnte meinen, Botero hätte sich in Kuba inspirieren lassen, auf jeden Fall wäre der Anblick der kubanischen Leibesfüllen eine wahre Wonne für ihn gewesen.

 Neben den Werken von Botero wurden auch erstaunlich viele europäische Künstler wie Picasso, Dalí und Chagall gezeigt. Nach so viel Kultur haben wir uns zur Belohnung noch Arepas, kolumbianische Teigtaschen aus Maismehl, gegönnt. Da Javier am nächsten Tag schon nach Panama weiterfliegen musste, war es an der Zeit sich zu verabschieden. Leider steht Puerto Rico nicht auf der Liste der Länder, die wir besuchen, sonst würden wir uns sicher mal seine Stiefelwerkstatt ansehen.

Und da wir am nächsten Morgen immer noch in Museumsstimmung waren (ob die Kälte damit zu tun hatte?), haben wir uns auf den Weg ins Goldmuseum gemacht. Dort sind beeindruckende Goldkunstwerke der kolumbianischen Ureinwohner ausgestellt. Nach deren Anblick wundert man sich nicht mehr, dass die Spanier Kolumbien damals für das El Dorado hielten.

Den Rest des Tages haben wir mit Bummeln in der Stadt verbracht. So viele Sehenswürdigkeiten hat Bogotá nicht, zumindest solange man nicht ins Umland fährt, so dass die drei Tage, die wir hier verbracht haben, vollkommen ausgereicht haben. Abends haben wir uns dafür mit Johanna, der ehemaligen Mitbewohnerin von Niko aus Berlin, in einer Hipster-Bar in der Innenstadt getroffen. Johanna arbeitet für eine deutsche Entwicklungshilfeorganisation und lebt mittlerweile in Bogotá. Sie arbeitet für ein Projekt, das Kriegsflüchtlinge bei der Rückkehr in ihre Heimat unterstützt.

In der ganzen Stadt hat man die Berge im Blick

Was die aktuellen politischen Entwicklungen im Land und die Aussicht auf Frieden angeht ist Johanna deutlich skeptischer als Gabriela. Offensichtlich hat sich bereits ein Teil der FARC-Rebellen abgespalten, die sich strikt weigern, ihre Waffen abzugeben. Und selbst in den Landesteilen, die die FARC mittlerweile freigegeben haben, kommt es nun verstärkt zu Konflikten zwischen dem kolumbianischen Militär und paramilitärischen Gruppen, sprich Drogenhändlern, die versuchen, die Gebiete zu übernehmen. Leider trifft das auch auf einen Teil der Karibikküste zu, durch den wir fahren wollten, um nach Panama zu gelangen. Johanna rät uns davon ab, momentan diesen Weg zu nehmen. Sofern wir unterwegs keine Bestätigung bekommen, dass der Weg doch sicher ist, müssen wir unsere Reisepläne nach Panama also über den Haufen werfen. Die zwei verbleibenden Optionen wären zum einen die Überfahrt per Segelschiff. Klingt erstmal traumhaft, aber man ist zwei Tage auf offenem Meer in einem sehr kleinen Boot unterwegs. Das Internet ist voll von Reiseberichten seekranker Reisender, die lieber sterben würden als diese Fahrt nochmal zu machen. Da Rebecca leider auch zu Seekrankheit neigt, werden wir vermutlich die langweiligere, aber sichere Option wählen: das Flugzeug. [Nachtrag: das Auswärtige Amt hat tatsächlich eine Reisewarnung für das Grenzgebiet zwischen Panama und Kolumbien ausgesprochen. Daran werden wir uns als brave Bürger natürlich halten, allein schon weil wir nicht versichert wären, wenn was passiert.]

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2 Gedanken zu „​Kokatee am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen“

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