Montezumas Rache

​Um uns mal wieder etwas vom Reisestress zu erholen, haben wir beschlossen, unsere letzte Woche in Costa Rica in Montezuma, einem kleinen, entspannten Hippie-Dörfchen an der Pazifikküste zu verbringen. Von Monteverde aus gibt es täglich nur eine Busverbindung dahin. Haken an der Sache: der Bus fährt schon morgens um 6 Uhr los. Wir hatten uns am Vortag schon mit Entspannungstee auf das frühe Aufstehen vorbereitet, da kam die Erlösung. Unser Vermieter Álvaro hatte nämlich am nächsten Tag einen Arzttermin in Puntarenas, der nächstgrößeren Stadt, und hat angeboten, uns mitzunehmen. Genau dahin hätte uns der Bus gefahren. Passte also perfekt. So sind wir statt um 6 Uhr erst um 12 Uhr los und haben trotzdem noch die Fähre um 14 Uhr bekommen.
Auf der Fahrt hat sich Rebecca mit Álvaro unterhalten und dabei den traurigen Hintergrund unseres kleinen süßen Häuschens, das Rebecca am liebsten nach Deutschland mitgenommen und dort wieder aufgebaut hätte, erfahren. Álvaro hatte es vor einigen Jahren als Puppenhaus für die jüngste Tochter der Familie gebaut und sich hinterher über die größer als gedachten Ausmaße gewundert. Gut für uns und alle andere Touristen, die eine besondere Unterkunft in Monteverde suchen. Trotzdem Siria, unsere kirchentreue Vermieterin, immer nett und freundich war, lag irgendetwas Bedrückendes in der Luft und von ihrem Mann haben wir erfahren, wieso. Leider ist die so lebenslustige Tochter der beiden bereits mit 16 Jahren nach Bekanntwerden einer unheilbaren Krankheit innerhalb von drei Monaten gestorben. Wie uns Álvaro aber sagte, hätte sie mit ihren 16 Jahren mehr erlebt als er mit 50. Zweimal hatte es sie in in ihren jungen Jahren in die USA verschlagen, ein Land, das Álvaro niemals mehr besuchen möchte, nachdem man ihm mit 20 das Visum verweigert hatte. Tatsächlich wohnt heute einer der Söhne mit seiner Frau in Kalifornien. Sein Vater besucht ihn aber erst, wenn sein erster Enkel geboren würde. Álvaro hatte ein recht hartes Leben, wie er erzählte, denn bereits mit acht Jahren hatte er neben der Schule angefangen zu arbeiten und so seine Mutter und 9 Schwestern unterstützt. Trotzdem hat er später sein ganzes Geld für das Studium seiner Kinder gespart und alle drei motiviert, möglichst viel und früh die Welt zu entdecken und zu bereisen. Auch vor Costa Rica hat der ewige Optimierungswahn der Menschen leider nicht Halt gemacht und so versucht jeder Stadtmensch, seiner Karriere hinterherzurennen oder auf dem Land noch eine Finca und noch eine und noch eine zu erwerben. Das echte Leben und dazu gehöre auf jeden Fall reisen, käme dabei zu kurz. Passt ja so gar nicht zum Pura Vida Lebensmotto! Es sieht auf jeden Fall so aus, als hätte Álvaro seinen Kindern gezeigt, dass es Wichtigeres gibt, als dem Geld hinterherzulaufen, denn auch sein anderer Sohn war gerade in Argentinien unterwegs.

Rebecca am Eingang zur Fähre
Die Nicoya Halbinsel kommt langsam in Sicht

Von Puntarenas ging es mit einer Fähre etwa eine Stunde lang auf die andere Seite zur Halbinsel Nicoya, auf der Montezuma liegt. Am Fährhafen in Paquera angekommen, wartete auch schon der öffentliche Bus, der uns die letzten zwei Stunden bis nach Montezuma brachte. Dort war bereits auf den ersten Blick klar, dass wir uns zum Entspannen genau den richtigen Ort ausgesucht hatten. Es ist immer noch Nebensaison und daher hatte fast die Hälfte der Hotels und Restaurants im eh schon kleinen und überschaubaren Ort geschlossen. Die Einheimischen genossen die Ruhe vor dem großen Ansturm ab November. Ab und zu schlenderte mal jemand mit Surfbrett über die Straße zum Strand. Das war es dann aber auch schon an Action.

Das Dorfzentrum Montezumas
Eine von Montezumas zwei Straßen. Der alte Mann gegenüber hat uns jedes einzelne Mal, wenn wir vorbei gegangen sind, gegrüßt. Also mindestens 5-6 mal am Tag.
Die gleiche Straße von weiter unten.
Rechts ist der einzige Supermarkt im Dorf.

Für die ersten drei Nächte hatten wir uns das Hotel Pacífico ausgesucht. Es liegt mitten im Ort direkt an der Kirche und trotzdem haben wir unglaublich viele Tiere gesehen. Genau genommen mehr als uns lieb war, doch dazu später mehr. Das Hotel gehört Carlos, einem sehr netten und lustigen Tico. So verstrubbelt wie er immer aussah, so war auch sein Hotel. Alles ist sehr verwinkelt und wir haben bis zum Schluss nicht rausgefunden, wieviele Zimmer es eigentlich gibt. Außer uns gab uns nur noch zwei ältere deutsche Frauen als Gäste. Wir hatten das Glück, uns das einzige Zimmer mit eigenem Balkon unter den Nagel reißen zu können. Auf diesem haben wir den Großteil unserer Zeit verbracht, wenn wir nicht gerade am Strand waren, und den Ausblick auf den großen Baum voller Tiere genossen.

Unser erstes Hotel in Montezuma. Im ersten Stock ganz rechts war unser Balkon.
Ein Selfie-Versuch beim Rückweg vom Strand in der Abendstimmung
Die Wellen waren teilweise so hoch wie Rebecca.
Von den Wellen wurden einige Surfer und ihre Hunderudel angezogen. Er hier hatte die kleinsten und war bestimmt der Uncoolste im Dorf.

Tagsüber kamen ein paar freche Vögel aus dem Baum zu uns rüber geflogen, die alles zu klauen versuchten, was nicht niet- und nagelfest war. Einer hat sogar den Reißverschluss an Nikos Hose, die zum Trocknen über dem Geländer hing, aufgemacht, um zu sehen, ob da drin etwas Interessantes versteckt war. Daneben gab es Eichhörnchen, Leguane und Coatis beim Vormittagsspaziergang zu sehen. Ganz schön viel dafür, dass wir ja mitten im Dorf waren. Nachts kamen dann noch Gürteltiere und Unmengen an Glühwürmchen dazu. Letztere konnte man insbesondere bei den zahlreichen, aber zum Glück nur kurzen Stromausfällen beobachten.

Wenn die Vögel nichts zu fressen fanden, mutierten sie ruckzuck zu Fleischfressern
Zusammen mit Carlos vor seinem Hotel
Vorm Hotel lief uns ein Leguan über den Weg
Von denen wimmelte es hier nur so. Besonders viel Spaß hatten sie nachts auf unserem Dach.
Ein Coati balanciert am Hotel vorbei

Ein Hauptgrund, weshalb wir uns für das Hotel entschieden hatten, war die Gemeinschaftsküche. Restaurants sind in Montezuma und Costa Rica allgemein recht teuer, so dass wir seit einiger Zeit selber kochen. Die Küche ist ein ziemlich großer, mit allem möglichen Krempel vollgestellter Raum. So unordentlich wie Carlos´ Haarpracht und der Rest des Hotels. Am ersten Abend haben wir uns davon trotzdem nicht abhalten lassen und Nudeln á la Rebecca und Niko gekocht. Als Rebecca am nächsten Morgen beim Spülen ein Rascheln hörte und gesehen hat, wie eine Kakerlake in den Toaster kroch, in dem wir gerade unsere Frühstückstoasts gebräunt hatten, war für sie dann aber doch das Maß voll und wir haben entschieden, uns nach einer anderen Bleibe umzusehen. Da die anderen Hotels ähnlich schwach ausgelastet waren, war dies ein Kinderspiel und wir haben eine schöne Hütte mit sauberer Gemeinschaftsküche gefunden, die auch noch 10 Dollar die Nacht günstiger war als unser erstes Zimmer. Nur den lustigen Carlos haben wir vermisst. Er nutzte die Gästeflaute, um Teile des Dachs zu renovieren. Die meiste Arbeit machte ein älterer Arbeiter und Carlos´ Beitrag bestand im Wesentlichen darin, von unten kluge Anmerkungen zu machen. Als die beiden alten Männer zusammen eine schwere Holzplatte nicht aufs Dach heben konnten, wurde Niko kurzerhand zum Hilfsarbeiter erklärt. Zu dritt hat es dann geklappt.

Niko bei der Arbeit. Die Platte war tatsächlich unglaublich schwer.

Am letzten Abend bei Carlos haben wir uns nochmal zum Kochen in die halbdunkle Küche getraut. Carlos scheint am Licht zu sparen. Wir wollten gerade anfangen, da entdeckte Niko vor der Spüle einen Haufen Exkremente, der noch sehr frisch aussah. Da kam auch schon der Aufschrei von Rebecca, weil sich hinten im Raum etwas großes bewegt hätte. Niko hat zwar den Übeltäter nicht gefunden, aber da es noch immer Geräusche gab, haben wir beschlossen, dass die Küche kalt bleibt und wir doch lieber auswärts essen gehen sollten.
Am nächsten Morgen klopfte Carlos an unsere Tür und warnte uns, dass wir auf keinen Fall in die Küche gehen sollten, weil sich dort eine Schlange eingenistet hätte! Das hatte also geraschelt. Das große Tier wäre wohl eine Art Fuchs, meinte er. Wir hätten von der Größe und der Art der Bewegung eher auf ein Gürteltier getippt. Was auch immer es war, sicherlich möchte man es nicht in seiner Küche wohnen haben. Was sind wir froh, dass wir sie nie wieder zum Kochen nutzen müssen! Trotz der (un)hygienischen Bedingungen sind wir bisher aber von Montezumas Rache verschont worden…

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