​Welthauptstadt der Livemusik

Vor einigen Wochen haben wir festgestellt, dass die günstigsten Flüge von Cancún nach Los Angeles alle einen Umstieg in Houston, Texas erfordern. Damit war die Idee geboren, dass wir Nikos Geburtstag am 20. Oktober in Austin, der Hauptstadt von Texas, feiern. Dort hat er nämlich früher gewohnt und studiert. Einige seiner Freunde sind noch vor Ort und da er seit 12 Jahren nicht mehr da war, war es sowieso höchste Zeit für einen Besuch. Also sind wir am 19. Oktober von Cancún 2,5 Stunden nach Houston geflogen, haben uns dort ein ¨Auto¨ gemietet und sind 260 Kilometer nach Austin gefahren (Reiseroute). Auto muss deshalb in Anführungszeichen stehen, weil die Kategorie, die wir eigentlich gebucht hatten, nicht mehr verfügbar war und wir deswegen ein kostenloses Upgrade auf ein SUV in Panzergröße bekommen haben. Uns wäre ein kleineres Auto lieber gewesen, aber auch so sind wir gut in Austin angekommen.

Niko in unserem Panzer
Vielleicht traut er sich das nächste Mal ein Liegecabrio zu

Wir haben bei Andy, einem ehemaligen Nachbarn und guten Freund von Niko, übernachtet. Er hat sich vor einigen Jahren ein eigenes Haus gekauft, in dem er mit seiner Frau, seinem Bruder, der Schwester seiner Frau und einer Freundin lebt. Zusammen mit uns war also wirklich Full House. Amerikanische Häuser sind aber glücklicherweise viel geräumiger als deutsche, so dass es trotzdem nicht eng wurde. Den ersten Abend haben wir mit einem Sixpack Keystone Light – amerikanisches Billigbier, das Niko und Andy in ihrer Studentenzeit (zu) oft getrunken haben – mit Erinnerungen an die guten alten Zeiten verbracht. Rebecca hat sich währenddessen mit Olivia und Vinny, zwei Freunden, die gerade auch zu Besuch waren, über ihre neue Geschäftsidee ausgetauscht. Die beiden sind nämlich gerade dabei einen Online-Fischhandel zu eröffnen.

Rebecca im Gespräch mit Andy. Vinny und Olivia fachsimpeln derweil über Fisch.

Hilfreich sind ihnen dabei Vinnys Kontakte, die er seit 15 Jahren als Seemann in Alaska gesammelt hat. Zum Glück hat er (wie übrigens auch seine zwei Brüder) die ersten besonders harten Jahre als Mann an Deck überstanden, nur ein Finger musste dran glauben. Heute fischt er nicht mehr selbst, sondern steuert das Schiff, lässt sich mit gutem Essen hinterm Steuerrad vewöhnen (er hat uns Beweisfotos gezeigt) und da er dank der guten Bezahlung sowieso nur vier Monate im Jahr arbeiten muss, fliegt er den Rest des Jahres in der Weltgeschichte umher. Olivia ist mit einem Medizinhandel selbständig, bereist damit während der Woche die gesamten USA und fährt neuerdings auch zwischendurch Taxi, weil sie gerade im Kohleverdienenmodus ist. Jetzt soll also ein weiteres Standbein hinzukommen. Mit Andys Bruder, der seit langer Zeit gar keiner gewöhnlichen Tätigkeit nachgeht, basteln sie und Vinny gerade an der Webseite rum. 

Überhaupt waren wir sehr davon begeistert, wie offen die Amerikaner mit neuen Geschäftsideen umgehen. Wenn man eine gute Idee hat, wird einfach drauflos gearbeitet und probiert, ob sie trägt. Andy zum Beispiel hat seine Arbeitszeit in seinem eigentlichen Beruf als Ingenieur halbiert und verleiht mit seinem Bruder neuerdings Bagger, die er billig bei Auktionen einkauft und dann repariert. In Deutschland würde uns wahrscheinlich jeder für bekloppt erklären, wenn wir erzählen würden, dass wir jetzt Bagger verleihen oder Fisch verkaufen wollen…

Nikos Geburtstag haben wir tagsüber mit einer Stadtbesichtigung verbracht und er hat Rebecca gezeigt, wo er früher gewohnt hat. Allein in seinem alten Supermarkt haben wir fast eine Stunde zugebracht, weil es so viele Dinge zu entdecken gab, die es bei uns nicht gibt. Na ja, bis auf die Massen an mexikanischem Essen, die uns sehr bekannt vorkamen.

Hier hat Niko früher gewohnt. Den Pool hinterm Haus vermisst er in Deutschland immer noch.
Die Wohnung lag direkt am Colorado River, der an dieser Stelle zu einem kleinen See verbreitert ist

Danach sind wir noch ein bisschen in Downtown spazieren gegangen. Dort hat sich unglaublich viel verändert. Niko war scheinbar nicht der einzige, dem es in Austin sehr gut gefallen hat und daher ist die Stadt in den letzten Jahren förmlich explodiert. Überall werden Wohnungen gebaut und es sind einige neue Hochhäuser dazu gekommen. Wenn das so weiter geht wird Austin wohl bald von einer größeren Kleinstadt zur Großstadt werden. Düsseldorf hat es auf jeden Fall schon deutlich überholt was die Einwohnerzahl angeht.

Downtown Austin
Einige der Wolkenkratzer waren ziemlich neu
Das texanische Kapitol. Die Texaner sind sehr stolz darauf, dass es etwas höher ist als das in Washington.

Eine Sache hat sich allerdings nicht verändert: die Stadt nennt sich immer noch ¨live music capital of the world¨ (Welthauptstadt der Livemusik). Okay, das mit der Welt ist vielleicht etwas übertrieben, aber auf die USA bezogen ist an dem Spruch etwas dran. In keiner anderen US-Stadt gibt es eine vergleichbare Dichte an Musikbars, -clubs und -konzertorten. Da wir tagsüber unterwegs waren, haben wir davon aber zunächst wenig gesehen. Abends war es dann endlich Zeit für Nikos Geburtstagsparty. Tatsächlich gab es zwei Geburtstagskinder, da Sarah, Andys Frau, auch Geburtstag hatte. Wie wir aber am nächsten Tag herausgefunden haben, hatte sie eigentlich erst drei Tage später Geburtstag. Glücklicherweise sind die Amerikaner nicht abergläubisch und können ihren Geburtstag gut und gerne vorverlegen. Zum Essen war auch eine weitere Schwester des Geburtstagskindes eingeladen, alle drei sind Krankenschwestern ohne Krankenversicherung. Sie tun es uns gleich und werden im Januar kündigen und auf Südamerikareise gehen. In den USA übrigens keine ungewöhnliche Sache, seinen Job zu kündigen und dabei keine Angst zu haben, dass sich nichts Neues auftun wird. Wir waren bei Phara`s essen, einem Restaurant, das mit ¨mediterranem¨ Essen wirbt. Während der durchschnittliche Mitteleuropäer darunter wohl spanisches oder italienisches Essen verstehen würde, wurden wir von fantastischem libanesisch angehauchtem arabischen Essen überrascht. Nur darf man es in den USA anscheinend nicht arabisch nennen, wenn man will, dass trotzdem Gäste kommen. Ebenfalls ungewöhnlich für Europäer war, dass es ein BYOB-Restaurant war. BYOB steht für ¨bring your own beer¨ und ist wörtlich gemeint. Alkoholische Getränke muss man sich selbst mitbringen. Wir hatten mit mehreren Flaschen Wein vorgesorgt, so dass es eine tolle Party wurde.

Die Geburtstagsparty
Es gab sogar eine Bauchtänzerin. Hier bringt sie Maria gerade das Balancieren eines Schwerts bei.

Andy schaufelt nicht nur beruflich mit seinem Bagger. Er hat zusammen mit seinem Bruder und Schwager ein riesiges Haus in der Nähe von Austin gebaut. Allerdings nicht für sich, sondern einfach mal so, um zu lernen wie man ein Haus baut. Demnächst will er es verkaufen. Am nächsten Tag hat er das Auto mit Hund, Frau, Schwester und uns vollgeladen und uns das riesige Anwesen gezeigt. In der ganzen Gegend standen solche großen Klötze rum, meistens nur von zwei Leuten oder einer kleinen Familie bewohnt. Wozu die Amerikaner soviel Platz brauchen, kann er allerdings auch nicht verstehen.

Andys Übungshaus. Für europäische Maßstäbe ein 4-Familienhaus. Amerikaner wohnen da zu zweit.
Die Eingangshalle und ein Teil des Wohnzimmers

Anschließend haben wir noch den Unicampus besichtigt, der immer noch so schön ist, wie Niko ihn in Erinnerung hatte. Zuguterletzt musste er Rebecca dann auch noch beweisen, dass das mit der Livemusik tatsächlich stimmt. Also sind wir wieder nach Downtown in die 6th Street und in der Tat war in jeder Bar eine Liveband anzutreffen. Nicht alle trafen unseren Geschmack, aber in einem urigen Irish Pub ist Rebecca musikalisch und Niko mit selbstgebrautem IPA (Indian Pale Ale) glücklich geworden. Zufälligerweise war am selben Wochenende das Formel 1-Rennen, so dass es noch etwas voller war als sonst. Insgesamt ist die Stimmung in der Stadt trotz des Booms immer noch sehr angenehm, so dass Niko sich auf jeden Fall vorstellen könnte, nochmal hierher zu ziehen, falls sich die Gelegenheit ergeben sollte und er Rebecca überzeugen kann…

Der Turm ist das Wahrzeichen der University of Texas
Kunst aus Booten
Abends wird die 6th Street für Autos gesperrt und die Leute feiern auf der Straße
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