Kulturschock in Negombo

Endlich sind wir in dem Land angekommen, auf das Rebecca sich schon seit sieben Monaten so sehr freute. Ihr Grinsen über beide Backen, als sie im Tuk Tuk zur Unterkunft unweit des Flughafens saß, war nicht zu übersehen. Sehr gespannt war sie sowieso schon die ganze Zeit über, wie Niko ihr Traumland finden würde. Nach unserem ersten Ausflug auf der Suche nach einem Päckchen Reis und Curry, setzte bei Niko die Ernüchterung ein. Oder war es ein Kulturschock? Beim Hinausgehen aus unserer kleinen Gasse standen und saßen überall Bettler, die auf Almosen der Kirchgänger hofften.

Vor der Kirche wurden Blumen verkauft

Im vorwiegend katholischen Negombo, auch „Little Rome“ genannt, finden jeden Dienstag mehrere Messen statt. Wer keinen Sitzplatz in der Bank ergattert, setzt sich auf den Boden am Kircheingang. An der Hauptstraße war es laut, voll und stinkend. Es gibt dort keinen Bürgersteig. Autos, Tuk Tuks, Busse und LKW konkurrieren um einen Platz auf der Straße. Windige Überholmanöver mit Fahrzeugen, die in die falsche Richtung fahren, obwohl dort eigentlich dichter Gegenverkehr herrscht, sind die Regel. Sowieso fahren Fahrradfahrer, oft Kinder, gerne auf der falschen Seite. Alte und Kranke laufen einfach so auf die Straße, ohne zu gucken. Ein Wunder, dass so wenige Unfälle passieren, findet auch unser Vermieter.

So leer war die Straße nur selten

Jeder Zweite guckt uns neugierig an, sagt hello, good afternoon. Wir sind in diesem Stadtteil die reinsten Exoten. In Käfigen warten Hühner darauf, dass sie im Suppentopf landen, ein Mann wäscht sich im Dreckswasser der Rinne am Straßenrand. Dort wo Platten über die Rinne gelegt wurden, fehlt immer mal wieder eine, besonders im Dunkeln muss man höllisch aufpassen, wohin man seine Füße setzt. Zwei Wochen könnte er es hier bestimmt aushalten, aber Niko verflucht den Tag, an dem er Rebecca zustimmte, in Sri Lanka ganze zwei Monate zu bleiben. Ist ja nicht so einfach, an manche Länder in Mittelamerika musste Rebecca sich auch erst gewöhnen…

Lynn und Elmo, unsere Gastgeber in Negombo

Wir wohnten bei Lynn und Elmo, einem amerikanischen Ehepaar um die 50, das sich nach einigen Monaten in Malaysia im Juli 2016 dazu entschieden hatte, nach Sri Lanka zu ziehen. Elmo spricht einen breiten New Yorker Slang. Würde er den Mund allerdings nicht aufmachen, könnte er auch glatt als wohlgenährter, westlich gekleideter Einheimischer durchgehen. Und tatsächlich ist er es auch. Zusammen mit seinen Eltern floh er Ende der 1970er Jahre vor dem Bürgerkrieg in die USA. Sein Bruder musste mit eigenen Augen ansehen, wie das Haus der tamilischen Nachbarn abgefackelt wurde. Allein schon aus dem Grund hält seine Familie ihn für verrückt, in das Land zurückzukehren, das ihnen als Teil der tamilischen Minderheit nach dem Leben trachtete. Lynn und Elmo fühlen sich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase aber sehr wohl und schätzen vor allem die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer neuen Landsleute. Diese haben wir bei einem Spaziergang zum Strand bereits am zweiten Tag kennengelernt. Ein Tuk Tuk Fahrer wollte uns umsonst mitnehmen, weil er sowieso in die Richtung zur Arbeit in einem Restaurant müsse. Wir haben uns zwar etwas gewundert, aber stiegen ein. Er und seine Frau würden Ausländern gerne helfen, sagte er. Und so war es dann auch, er nahm uns ein Stückchen mit und setzte uns in der Nähe des Strandes ab. Auf der Fahrt fragte Rebecca ihn, ob er Sri Lanki sei. Halb halb sagte er, sein Vater sei aus Schweden. Einmal hätte er in Schweden mit einem Foto nach ihm gesucht, ihn aber nicht gefunden.

Wegen des vielen Mülls gibt es leider auch sehr viele Krähen am Strand.

Der Strand von Negombo ist weder besonders schön, noch besonders sauber. In einem der Restaurants oder Hotels lässt es sich aber gut bei einer Kokosnuss entspannen und den Fischern beim Einholen ihrer Netze zusehen. Außerdem ist er ein beliebter Treffpunkt der Einheimischen, um sich bei einem kleinen Snack den Sonnenuntergang anzugucken.

Fischer beim Einholen der Netze. Was der Tourist in Unterhose da wollte, wissen wir auch nicht.
Kurze Bootsfahrten Richtung Sonnenuntergang sind bei den Einheimischen sehr beliebt

Auf dem Rückweg wollten wir eigentlich bei unserem neuen halbschwedischen Freund im Restaurant vorbeischauen, die Preise waren allerdings dreimal so hoch wie in der Nähe unserer Bleibe und so machten wir uns auf den Rückweg. Unterwegs trafen wir auf unsere tschechischen Mitbewohner, die in unserem Häuschen am Abend zuvor das zweite Zimmer bezogen hatten. So beschlossen wir zusammen zu Abend zu essen. Der Bestellprozess war eine schwere Geburt, machte der Kellner uns doch ständig Vorschläge, was wir essen könnten und verwirrte damit ganz schön die beiden Tschechen, die des Englischen nicht so sehr mächtig waren. Immerhin haben wir uns nach vielem hin und her darauf geeinigt, zu viert nur ein Gericht zu teilen. Das war goldrichtig so, wir haben sogar noch einen kleinen Rest gelassen und zusammen mit Getränken nur 12 Euro gezahlt. Einer der beiden Tschechen war gerade dabei sein Leben zu entschleunigen, hat den Managerjob bei einem großen Reifenhersteller gekündigt und versucht sich nun als freier Fotograf. Wir alle profitieren übrigens bestens von Gastvater Elmo, der nach ausführlichem Gespräch mit uns versuchte herauszufinden, was wir in seiner neuen alten Heimat gerne alles sehen würden und uns im Nachgang eine detaillierte E-Mail mit einem möglichen Programmplan inklusive Unterkünften und dem Hinweis, man könne ihn zu Übersetzungszwecken immer anrufen, zuschickte. Lynn war immer für stundenlange Gespräche über Gott und die Welt zu haben und hielt ihr Guesthouse pikobello sauber. Selten so engagierte Gastgeber gehabt, dazu kostete uns die Übernachtung mit Frühstück gerade einmal 15 Euro.

Rebecca wollte mit Niko unbedingt eine Bootsfahrt durch den holländischen Kanal und die Lagune Negombos machen, denn diese war ihr von letztem Jahr in allzu guter Erinnerung geblieben. Für die Negombo Neuankömmlinge Lynn und Elmo war sie noch absolutes Neuland, deshalb kam Lynn kurzerhand mit, so kann sie ihren Gästen aus persönlicher Erfahrung berichten, was man in Negombo unternehmen kann.

Bootstour durch den holländischen Kanal
Abendstimmung im Kanal

Captain Fernando holte uns pünktlich an unserem Häuschen ab und brachte uns zur Lagune, wo sein Vater, ein ehemaliger Fischer, und zwei weitere Gäste schon warteten. Seit Lebzeiten wird der Beruf an die nachfolgende Generation weitergegeben. So war unser junger Captain ebenso wie sein Vater Krabbenfischer. In vorbildlicher Weise nutzt er die Einnahmen seines kleinen Unternehmens dafür, in der Nachbarschaft auf die Vermüllung der Lagune durch Plastik aufmerksam zu machen. Zusätzlich ruft er an bestimmten Tagen Säuberungsaktionen ins Leben und man kann es nicht anders sagen, die Lagune hat es dringend nötig. Es ist ein Wunder, dass die zugemüllten Mangroven einen solchen Artenreichtum hervorbringen. Was der Fisch isst, den man am Ende des Tages selber isst, will man am besten gar nicht wissen.

Typisch sri lankische Fischerboote
Fischer beim Flicken ihrer Netze
Der wohlverdiente Feierabend beginnt

Wohnen in der Lagune

Mitten im Müll wohnten auch einige Affen

Sehr kurzweilige zwei Stunden dauerte die Fahrt durch den durch die holländischen Kolonisten erbauten Kanal vorbei an den Häusern der Fischer bis zur Lagune. Auf der Fahrt erklärte unser junger Captain uns viel über Fischzucht, die besten Plätze zum Fischen und das Leben der Fischer in der Lagune.

Mitten im Mangrovenwald stand plötzlich Jesus vor uns. Hier werden sogar Gottesdienste abgehalten. Allerdings nur bei Ebbe, da sonst alles unter Wasser steht.
Links im Bild der junge, geschäftstüchtige Captain
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