​Rebecca geht ins Kloster

Ich schreibe, ich schreibe, ich schreibe, ich schreibe… Dies ist eine Achtsamkeitsübung, die Rebecca und ihren Zimmernachbarinnen empfohlen wurde, einfach um nicht verrückt zu werden, wie der Hauptmönch es ihnen belustigt erklärte. Um ihre Erfahrungen im buddhistischen Meditationszentrum besser darstellen zu können, wechselt Rebecca jetzt in die Ich-Perspektive.

Pass, Bücher, Handy, Laptop, alles abgeben, so wurde ich vom Büromitarbeiter des Kanduboda Syane International Insight Meditation Centre begrüßt. Ganz schön streng, meinte Niko, nachdem ich mich noch schnell von ihm per SMS verabschiedet hatte. Danach wurde ich über das weitläufige Dschungelgelände durch den Männer- bis zum Frauentrakt geführt. Dort musste ich ganz leise sein, denn der Hauptmönch hatte gerade Meditationssprechstunde. Nach einer Weile wurde ich von einer jungen Nonne, deren strahlendes Lächeln mich über die nächsten Tage begleiten sollte, in das Gebäude für die internationalen Yogis begleitet. Dort bekam ich ein spartanisches Einzelzimmer, in dem gerade einmal ein Bett und eine kleine Kommode Platz hatten. Auch gab es kein Fenster nach draußen, nur ein Milchglasfenster zum Gang und ein paar Wandschlitze. Die Nonne sprach nicht besonders gut Englisch, doch sie überließ mich den anderen beiden Frauen in meiner neuen Unterkunft. Ich war ziemlich erstaunt, als sie mich gleich ansprachen und unter ihre Fittiche nahmen, denn ich war davon ausgegangen, dass in dem Center nur geschwiegen werden dürfte. Sogleich statteten sie mich mit Bettwäsche, einem kleinen weißen Tuch, das man sich über sein Meditationskissen legte und einer Art weißen Schal aus, der den Oberkörper weitgehend verdeckte. Auch sollte ich mich in den nächsten Tagen nur komplett in weiß kleiden. Da es mein erster Tag war, sollte ich mich danach entspannen, sagten mir meine malaysische und sri lankische Zimmernachbarin. Und so war ich plötzlich zum absoluten Nichtstun verdammt und konnte mich mit nichts beschäftigen, denn ich musste ja jegliches Ablenkungsgerät vor meinem Einzug abgeben. So bin ich draußen vor meiner kleinen Unterkunft etwas umherspaziert und habe mich doch schnell an meine neu errungene technische Freiheit gewöhnt. Die Ruhe war im sonst so lauten Sri Lanka herrlich und es war auch in den nächsten Tagen eine Freude, den ganzen Krabbeltieren um mich herum zuzusehen. Nachts wurde ich ab und zu von kämpfenden Katzen geweckt und in den Morgenstunden rannte eine ganze Affenfamilie übers Dach hinauf in den nächsten Mangobaum. 

Später am Abend wurde ich zur Abendandacht mitgenommen, in der wir in der Reihe stehend zunächst alle Opfergaben für Buddha, wie Blumen und Getränke, berührten, die von einigen einheimischen Frauen hereingebracht wurden. Danach wurde ein Singsang zur Ehrung Buddhas und einem glücklichen und friedvollen Leben in seinem Sinne von den Nonnen angestimmt. Ihre zarten Stimmchen passten so gut zu ihrer zarten, jungenhaften Figur. Der kahl rasierte Kopf und das braune, weite Gewand unterstrichen dies nur. Auch wenn die Hauptnonne dem Gesicht nach zu urteilen wahrscheinlich schon über 40 war. 
Meine erste Abendmeditation fand eine Stunde später statt und wurde von einem sehr heftigen Gewitter begleitet. Ich war bestimmt trotzdem die einzige, der der Donnerschlag bei geschlossenen Augen durch Mark und Bein fuhr. Ziemlich früh wollte ich mich an diesem Abend bettfertig machen. Sollte doch die Morgenglocke schon um vier Uhr klingeln. Als ich aus meinem Zimmer kam, waren die anderen beiden noch fleißig und boten mir als Neuankömmling einen ziemlich skurrilen Eindruck. Die einheimische Dame saß in ihrem weißen Gewand unter einem Moskitonetz im Halbdunkeln während die andere ihre Gehmeditation in Zeitlupe ausführte. Nach und nach gewöhnte ich mich an diesen Anblick…
Die Nacht war kurz und unruhig und der nächste Tag begann wieder mit der Morgenandacht. Danach gab es eine Reissuppe mit Knoblauch, die ich nur am ersten Morgen probierte. Zu viel des Guten am frühen Morgen. Und eine Stunde später sollte das ebenso deftige Frühstück folgen. 
In den nächsten Tagen habe ich mir angewöhnt, gleich um kurz nach vier meine ersten Yogaübungen zu machen und die Stunde zwischen Morgenandacht und Frühstück zu weiteren Übungen zu nutzen. Vor Rückenschmerzen bei der Sitzmeditation haben sie mich trotzdem nicht bewahrt, aber wer weiß wie schlimm sie ganz ohne ausgefallen wären. 

Zum Frühstück kamen wir alle ein paar Minuten früher mit einem Bündel, in dem sich zwei Teller, eine Schüssel, eine Tasse und ein Löffel befanden. Die Nonnen gingen vor, danach kam die älteste Frau und wir zwei Ausländer. Beim Essen durfte nicht geredet werden und so packte man langsam sein Geschirr aus und stellte es vor sich auf den Tisch. Nun gingen Nonnen und Freiwillige reihum und befüllten das Geschirr. Zunächst wurde das Schälchen mit Wasser gefüllt, dann kam das heiße Wasser für die Tasse, danach der Reis. Und dann kamen scheinbar nicht enden wollende Schüsseln mit Curries und ich fragte mich, wie ich diese Portion jemals schaffen sollte. Nach und nach hatte ich raus, wie man zeigte, dass man nur ein bisschen oder gar nichts haben wollte, denn der Teller wurde auf Wunsch wieder befüllt. Aber bei diesem ersten Frühstück musste ich leider einiges zurück gehen lassen. Glücklicherweise war ich nicht die einzige. Selbst die Nonnen aßen ihren Teller oft nicht leer, doch gewundert habe ich mich immer wieder über die Riesenportionen, die sie im Gegensatz zu mir verdrückt haben. Ich dagegen habe immer weniger als die alten Frauen auf meinem Teller gehabt und musste trotzdem kämpfen, denn auch die Zeit zum Essen war sehr kurz bemessen. Für mich Langsamesser also eine zusätzliche Hürde. Während des Essens wurde ich immer wieder von den alten Frauen neben mir angestupst, was ich als nächstes zu tun hätte, welcher Teller nach vorne geschoben werden musste und wie ich meinen benutzten Teller später mit den Fingern und dem Wasser aus der Schale grob reinigte.

Nach dem Tellerwaschen ging es wieder zur Gruppenmeditation, in der ich mich kaum wach halten konnte. Später habe ich festgestellt, dass es nicht nur mir so erging und die Köpfe immer wieder zur Seite wegknickten. Zum Glück wurden danach Hof und Unterkunft saubergemacht und so wurden müde Geister wieder geweckt. Nach einer kurzen Duschpause gab es um 11:15 Uhr Mittagessen, welche die letzte feste Mahlzeit des Tages war. Im Vergleich zum Frühstück kamen noch Obst und Nachtisch dazu, also sehr vielfältige, leckere und abwechslungsreiche Mahlzeiten. Danach wurde nur noch Tee serviert. Insgesamt gab es vier Gruppenmeditationen, an denen man teilnehmen sollte, dazwischen konnte man für sich selbst meditieren, abwechselnd Sitz- und Gehmeditation. Es gab keine Anleitung, doch wenn man wollte, konnte man mit dem Mönch sprechen und er gab kurze Hinweise. Im Gegensatz zu anderen Centern, wie ich von meiner neuen Zimmernachbarin aus Österreich hörte, war dieses ein nicht sehr strenges Meditationszentrum, denn man konnte weitgehend selbst über seine ¨Freizeit¨ zwischen den Gruppenmeditationen entscheiden. Auch gab es keinerlei Maßregelungen durch die Nonnen, wenn sie uns sprechen sahen. 

Nach drei Tagen waren wir das deutschsprachige Haus, als eine weitere Deutsche einzog. Natürlich war es klar, dass man am Anfang erklärte und sich ab und zu auch Gespräche ergaben. Diese waren während der Meditation allerdings sehr ablenkend, da die Gedanken an die vorher geführten Gespräche immer noch im Kopf herumschwirrten. Überhaupt waren vier volle Tage eine viel zu kurze Zeit, um seinen Geist von ständig hereinbrechenden Gedanken zu befreien. Der Geist ist wie ein Affe, der ständig mit uns spielen will, sagte der Mönch. Er hat uns deswegen einen ein- bis zweimonatigen Klosteraufenthalt vorgeschlagen, um den Geist so langsam ruhiger zu stellen. Die vier Tage waren also nur ein kurzer Ausflug in das Klosterleben, haben mir aber sehr gut gefallen. Für mich war es sehr interessant zu erkennen, dass mir der strukturierte Tag so gut gefiel, wo ich doch die Abwechslung sonst so sehr liebe. Langweilig wurde es ebenso gar nicht, denn man hatte ja immer etwas zu tun. Als mir die so freundlich lächelnde junge Nonne beim Abschied sagte, ich solle wiederkommen, habe ich gedacht, dass ich es bestimmt tun werde. 

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